«Das soll möglichst agil sein»

Am 1. Sep­tember 2016 hat Philomena Colatrella die Leitung der CSS übernommen. Die grösste Heraus­forderung sieht sie in den rasanten Ver­ände­rungen des schweize­rischen Gesund­heits­wesens.

Philomena Colatrella, Sie sind seit dem 1. Sep­tember 2016 neue Vorsit­zende der Konzern­leitung der CSS Versiche­rung. Wohin möchten Sie das «Schiff CSS» in den kommenden Jahren steuern?
Ich habe als neue CEO ein starkes und gesundes Unter­nehmen übernommen. So gesehen bin ich in einer komfor­tablen Situa­tion. Allerdings sind die Heraus­for­derun­gen in der Asse­kuranz und im Gesund­heits­markt dermassen anspruchsvoll, dass sich eine Anpas­sung unserer Organ­isa­tions­struk­tur aufdrängte. Das «Schiff CSS» soll möglichst agil werden, um rasch auf Ver­ände­rungen im schweize­rischen Gesund­heits­wesen rea­gieren und einen neuen Kurs ein­schlagen zu können. Mit der Neu­organi­sation haben wir uns fit für die Zu­kunft gemacht.

Sie haben bei der Um­struktu­rie­rung ein ho­hes Tem­po angeschlagen – die Gründe dafür?
Ich habe mich nach meiner Wahl im Februar 2016 rund ein halbes Jahr lang sorg­fältig mit der Struk­tur der CSS aus­ein­ander­gesetzt und Dut­zende von Gesprä­chen geführt. Das hat es mir erlaubt, die Leute und das Unter­nehmen noch besser kennenzulernen. Die neue Struktur, die ab dem 1. September 2016 umgesetzt wurde, ist also das Resul­tat eines langen Prozes­ses, in den sehr viele Perso­nen innerhalb der CSS einbezogen waren. Für mich war es extrem wichtig in den vorberei­tenden Gesprä­chen, die Mit­arbei­ten­den so weit zu bringen, dass sie den Ver­ände­rungs­prozess letztlich mittragen können. Deshalb konnten wir die neue Struk­tur umgehend nach meinem Amts­an­tritt zügig umsetzen. Sie hat es uns erlaubt, Schnitt­stellen zu verein­fachen und Auf­gaben – vor allem im Bereich der Kunden­zu­frie­den­heit – zu bündeln. Wir haben die Weichen für die Zukunft gestellt.

4.2

Verwaltungskosten in %

Die CSS konnte die Verwaltungskosten in den vergangenen Jahren kontinuierlich senken. In der Grundversicherung betrugen sie 2016 noch 4,2 Prozent.

Wo werden die CSS-Versicher­ten die Neustruktu­rierung zu spüren bekommen?
Die Kunden­zu­frieden­heit geniesst in unseren Strategie­über­le­gungen sowie im Tages­geschäft höchste Prio­rität. Wir haben deshalb die CSS so umstrukturiert, dass wir dank der Bünde­lung der Kunden­services unsere Ver­sicher­ten noch besser aus einer Hand bedienen können. Das sollen und werden die Kun­den im positiven Sinn spüren. Egal, ob eine ver­sicher­te Person telefonisch an die Ser­vice­line gelangt oder persön­lich auf einer Agentur vorbei­kommt: Sie wird überall gleich gut betreut. Da sich die Prämien der Kran­ken­versicherer in den kommenden Jahren immer mehr annähern dürften, wird der Kun­den­service als Qua­litäts­merk­mal umso wichtiger. Unsere Versicher­ten sollen spüren, dass sie mit der CSS einen Partner im Rücken haben, der mehr für sie macht, als bloss die Rech­nungen zu bezahlen.

Sie haben neu einen Konzern­bereich «Strategie & Corporate Services» geschaffen. Was versprechen Sie sich davon?
Wie will sich die CSS künftig im «Öko­system Gesund­heits­wesen» positionieren? Diese Frage stand im Zentrum der Neu­ausrich­tung. In unserem Unter­neh­men sind viele tolle Ideen und Ini­tia­tiven vorhanden, wie die CSS auf den stetigen Wan­del reagieren kann. Aller­dings hat bisher eine Stelle gefehlt, um all die Ideen aufzufangen, zu tri­agie­ren und letztlich in konkrete Handlungen einfliessen zu lassen. Diesem Umstand haben wir mit dem neuen Konzern­bereich Rech­nung getragen. Ziel muss es sein, dass wir künftig Ange­bote entwickeln können, die den Kunden noch mehr im Zentrum sehen. Wir wollen den Versicherten Orientie­rung geben, damit sie sich im «Dschungel Gesundheits­wesen» besser zurecht­finden und sich eigen­ständig darin bewegen können.

Im Frühjahr 2016 weigerte sich die CSS als einzige Schweizer Kranken­versicherung, Ver­sicherten­daten an das Bundes­amt für Gesund­heit zu liefern. Wie hat sich die Situa­tion entwickelt?
Gewisse Daten haben wir seither auf Anraten des eid­genössi­schen Daten­schutz­beauf­tragten nach Bern geliefert. Allerdings behalten wir uns vor, bei künftigen Daten­forderungen die Frage der Verhältnis­mässig­keit und der Zweck­mässigkeit zu stellen. Der Schutz der Persön­lich­keit der Versicher­ten hat bei der CSS höchste Priori­tät. Das gilt übrigens auch für die digi­talen Initia­tiven der CSS. Nur wenn wir mit den uns übermittel­ten Daten sorg­fältig umgehen, geniessen wir das Ver­trauen der Ver­sicher­ten. Und dieses ist unser gröss­tes Kapital.

«Die Digi­tali­sierung bietet uns grosse Chancen, damit wir in Zukunft ein noch wichti­gerer Teil des Schweizer Gesund­heits­wesens werden können.»

Mit der Finanzmarktaufsicht (FINMA) zeigt sich eine weitere Bundes­behörde seit einiger Zeit überaus aktiv. Insbesondere sind der FINMA gewisse – angeblich miss­bräuchliche – Gewinn­margen bei den Zusatz­versiche­rungen ein Dorn im Auge. Wie kann die CSS damit umgehen?
Diese Kontroll­tendenz im Bereich der Zusatz­versi­cherun­gen hat sich in der Tat zugespitzt. Nach der Banken­welt nimmt die FINMA nun die Versi­cherungs­bran­che äusserst genau unter die Lupe. Was aber die Be­schrän­kung von Gewinn­margen in der Kranken­zusatz­versi­che­rung anbelangt, fehlt mir die klare gesetz­liche Grund­lage, nicht zuletzt vor dem Hinter­grund der Wirtschafts­freiheit, die wir in der Schweiz kennen. Auch ist es ja nicht so, dass wir von unseren Ver­sicher­ten Prä­mien einverlangen, ohne dafür eine entspre­chende Gegen­leistung zu erbringen. Die im Gesetz sehr offen formu­lierte Miss­brauchs­bestim­mung muss deshalb zwingend plausibi­lisiert werden, damit künftig Rechts­sicher­heit besteht.

Letztlich wird eine Beschrän­kung der Margen dazu führen, dass Gewinne erodieren. Genau diese aber sind nötig, um das Unter­neh­men weiter­entwickeln zu können. Eine schwierige Situa­tion?
Die Senkung der Gewinn­mar­gen wird seit Jahren gefordert und auch umgesetzt. Deshalb bleibt uns nichts anderes übrig, als die ent­stehenden Lücken mit neuen Er­trags­quel­len zu schliessen. Wie jedes Unter­nehmen braucht auch die CSS finan­ziellen und unterneh­merischen Spiel­raum, um sich weiter­entwickeln zu können. Denn letzt­lich geht es um 2703 Mit­arbei­tende, für die ich als CEO Ver­antwor­tung trage.

Eine Ihrer wichtig­sten Auf­gaben ist es, die Zu­kunfts­fähig­keit des Unter­nehmens lang­fristig zu sichern. Wie wollen Sie das angehen?
Die Digitali­sierung bietet uns grosse Chan­cen, damit wir in Zu­kunft ein noch wichti­gerer Teil des Schweizer Gesund­heits­wesens werden können. Ich denke da insbe­sondere an die Be­reiche Gesund­heits­för­derung und Präven­tion. Mit dem Projekt myStep sind wir im Sommer 2016 gut gestartet. myStep belohnt Perso­nen, die täglich mindes­tens 7500 Schritte machen. In dieser Idee sehe ich noch weite­res Poten­zial, zum Bei­spiel im Be­reich der Ernäh­rung. Mit dem Health Lab in Zusam­men­arbeit mit der Uni­ver­sität St. Gallen und der ETH Zürich sind wir eben­falls gut unter­wegs. Hier ver­fol­gen wir das Ziel, dass eine Person ihre Thera­pie selber digi­tal steuern kann.

Perspektivenwechsel: 158 Prozent – sagt Ihnen diese Zahl etwas?
Die Zahl hat wohl etwas mit der Ein­führung des Kranken­versicherungs­gesetzes (KVG) im Jahr 1996 zu tun.

Richtig. Seit der Einfüh­rung des KVG sind die Prä­mien um 158 Prozent gestiegen. Sie haben sich also mehr als ver­dop­pelt. Es ist davon aus­zu­gehen, dass dies auch in den kom­me­nden Jah­ren so sein wird. Eine düs­tere Per­spek­tive?
Die Zah­len wir­ken in der Tat beun­ruhi­gend. Gleich­zeitig sind sie auch eine der grössten Heraus­for­derungen für die Zukunft. Wir müssen uns als Ver­siche­rung stets die Frage stellen, in welchen Berei­chen wir selber etwas dazu beitragen können, um die Kosten­spirale zu bremsen. Ich denke da vor allem an die konse­quente Kon­trol­le von jähr­lich fast 16 Millionen Rech­nun­gen. Bereits heute sparen wir damit Hun­derte von Millio­nen Fran­ken ein, da wir ungerecht­fer­tig­te Leis­tungen nicht bezahlen. Aller­dings sehe ich hier nach wie vor ein grosses Poten­zial. Ebenso in der Miss­brauchs­bekämpfung. Obwohl wir erst vor eini­gen Jah­ren gestartet sind, haben wir wich­tige Er­folge erzielt. Darüber hinaus müssen wir auch unsere Markt­posi­tion besser aus­spielen, etwa wenn es darum geht, bessere Tarife auszu­handeln.

«Bei Politikern und Ver­sicher­ten kommen Heimat­gefühle auf, wenn eine Spital­schlies­sung auch nur schon ange­tönt wird.»

«Die Hälfte der Schwei­zer Spitä­ler ist genug», sagten Sie in einem Inter­view und skiz­zier­ten damit einen Lö­sungs­an­satz zum Sparen. Bloss: Statt Spitäler zu schliessen, inves­tieren die Kanto­ne Milliar­den in neue Spi­tal­infra­struktur. Ihr Vor­schlag scheint also für kanto­nale Gesund­heits­direk­toren keine gute Idee zu sein.
Das ist tatsäch­lich eines der gröss­ten Para­doxa in der Schwei­zer Gesund­heits­politik. Es ist seit Jahren bekannt, dass die Spital­land­schaft erheb­lich aus­ge­dünnt wer­den könnte, ohne die Ver­sor­gungs­sicher­heit in Frage zu stellen. Doch das Gegen­teil passiert. Nicht nur bei den Politi­kern, sondern auch bei den Ver­sicher­ten kommen Heimat­gefühle auf, wenn eine Spital­schlies­sung auch nur schon ange­tönt wird. Dabei wird ausge­blendet, dass nicht die Nähe eines Spitals mass­geblich ist, sondern die Qualität der Dienst­leis­tung. Sowohl Politik wie auch Ver­sicher­te müssten hier bereit sein, auf ein Optimum – nicht auf ein Mini­mum! – zu redu­zieren.

Schein­bar ist aber die Schmerz­gren­ze für einen sol­chen Schritt noch nicht erreicht?
Angesichts des heuti­gen Prämien­niveaus habe ich zumin­dest die Hoff­nung, dass aufgrund des Kosten­drucks end­lich ein Um­denken ein­setzt. Die Hoff­nung wird genährt durch die der­zei­tige Dis­kus­sion über die Alters­vor­sorge. Hier scheint klar zu werden, dass zwin­gend gehan­delt werden muss, will man nicht eine ganze Sozial­ver­siche­rung an die Wand fahren.

173

Durchschnittsprämie in CHF

Bei der Einführung des Krankenversicherungsgesetzes 1996 betrug die Durchschnittsprämie pro versicherte Person 173 Franken. Heute sind es 447 Franken.

Der Skepsis zum Trotz: Sehen Sie irgendwo Auf­hel­lungen am doch eher düs­teren Kran­ken­ver­siche­rungs­horizont?
Mut – das ist meines Erachtens das Stich­wort. Mut, auch neue Ansätze ins Spiel bringen zu dürfen, ohne gleich eine Pau­schal­schel­te zu riskieren. Ich denke da etwa an die ganze Managed-Care-Them­atik. Zwar hat das Stimm­volk vor einigen Jah­ren eine ent­spre­chende Vor­lage an der Urne abgelehnt. Ich bin jedoch überzeugt, dass hier noch ein grosses Poten­zial für neue und viel­leicht auch un­konven­tionel­le Managed-Care-Model­le schlummert. Und weshalb nicht die Medi­kamen­ten­lis­te und den Lei­stungs­kata­log kri­tisch hin­ter­fragen, in dem fast alles bezahlt wird, was das Men­schen­herz begehrt? Wollen die Ver­sicher­ten diese Lei­stungs­dichte wirklich? Fragen über Fragen. Diese sollte man auf den Tisch bringen dürfen, ohne dass gleich eine Grund­satz­dis­kus­sion lanciert wird.