«Es ist gut, dass endlich Transparenz herrscht in Schweizer Spitälern und Kliniken»

Im Schwei­zer Ge­sund­heits­we­sen wer­den end­lich ein­heit­li­che, ver­gleich­bare Da­ten zur Be­hand­lungs­qua­li­tät er­ho­ben. Da­für zeich­net der Ver­ein ANQ ver­ant­wort­lich, der die­se Mes­sun­gen koor­di­niert und durch­führt. Ge­schäfts­füh­re­rin Dr. Petra Busch über Chan­cen und Gren­zen der Da­ten­aus­wer­tung.

Frau Busch, der ANQ ist so etwas wie die na­tio­na­le In­sti­tu­tion für Qua­li­täts­mes­sun­gen im Schwei­zer Ge­sund­heits­we­sen. Wie steht es um des­sen Qua­li­tät?
Diese Fra­ge ist so ein­fach nicht zu be­ant­wor­ten. Einen über­ge­ord­ne­ten Qua­li­täts­in­di­ka­tor gibt es nicht. Mit un­se­ren Mes­sun­gen be­trach­ten wir im­mer nur klar de­fi­nier­te Aus­schnit­te des gros­sen Gan­zen.

Sie erhe­ben al­so bei­spiel­swei­se die Pa­tien­ten­zu­frie­den­heit, die In­fek­tions­ra­te nach Ope­ra­tio­nen oder die An­zahl Stür­ze in ein­zel­nen Kli­ni­ken und Spi­tä­lern.
Genau. Und wenn, dann las­sen sich nur über die­se ein­zeln­en Indi­ka­to­ren Aus­sa­gen tref­fen. Wir kön­nen na­tio­na­le und in­ter­na­tio­na­le Ver­glei­che zie­hen oder beo­bach­ten, wie sich diese Indi­ka­to­ren mit der Zeit ver­än­dern.

Bei wel­chen Indi­ka­to­ren sticht die Schweiz in­ter­na­tio­nal he­raus?
Im Be­reich der Wund­in­fek­tio­nen und der Stür­ze be­steht im in­ter­na­tio­na­len Ver­gleich si­cher­lich noch Ver­bes­se­rungs­po­ten­zial. Bei den Wund­in­fek­ten sind die Da­ten aller­dings schwie­riger zu inter­pre­tieren, weil sich die Mess­me­thod­en in der Schweiz von jenen im Aus­land unter­schei­den.

Kann man aus der Ge­samt­heit die­ser Ind­ika­to­ren kei­ne all­ge­mei­ne Aus­sa­ge tref­fen?
Sa­gen wir es so: Es ist gut, dass end­lich Trans­pa­renz herrscht, was die Qua­li­tät in Schwei­zer Spi­tä­lern und Kli­ni­ken be­trifft. Im Schwei­zer Ge­sund­heits­we­sen wird seit 20 Jah­ren über das The­ma Qua­li­täts­mes­sung ver­han­delt. Es hat lan­ge ge­dau­ert, bis ein­heit­li­che, ver­gleich­ba­re Da­ten zur Er­geb­nis­qua­li­tät vor­la­gen, wel­che trans­pa­rent ver­öf­fent­licht wer­den konn­ten.

Sind die Spi­tä­ler und Kli­ni­ken ge­setz­lich ver­pflich­tet, Qua­li­täts­er­he­bun­gen durch­zu­füh­ren?
Ja, das schreibt das Kran­ken­ver­si­che­rungs­ge­setz vor. Über die kon­kre­ten In­hal­te so­wie de­ren Um­set­zung wu­rde lange de­bat­tiert. 2011 sind aber fast alle Spi­tä­ler und Kli­ni­ken sowie alle Kan­to­ne und Ver­si­che­rer dem na­tio­na­len Qua­li­täts­ver­trag bei­ge­tre­ten, der Rech­te und Pflich­ten der Be­tei­lig­ten re­gelt – eine Pio­nier­leis­tung.

Was ist das Ziel der Mes­sun­gen?
Unsere Da­ten – gleich wie jene des BAG übri­gens, wel­ches seit 2012 eben­falls Qua­li­täts­mes­sun­gen durch­führt – sol­len den Spi­tä­lern und Kli­ni­ken Grund­lagen lie­fern, um Ver­bes­serungs­mass­nah­men zu er­grei­fen. Sie dien­en aber auch den Kan­to­nen und Ver­si­che­rern als In­for­ma­tions­quel­le, um mit den Leis­tungs­er­brin­gern in einen Dia­log zu tre­ten. Wenn man zum Bei­spiel sieht, dass ein Indi­ka­tor in einer In­sti­tu­tion über meh­rere Jah­re pro­ble­ma­ti­sche Wer­te zeigt, so ha­ben die Kan­tone und Ver­si­che­rer die Mög­lich­keit, fun­diert mit dem be­trof­fe­nen Spi­tal da­rü­ber zu dis­ku­tie­ren.

Auch die Pa­tien­tin­nen und Pa­tien­ten pro­fi­tie­ren von den Da­ten, die der ANQ er­hebt. Sie flies­sen etwa in die Ver­gleichs­platt­form QualiCheck der CSS ein, die bei der Spi­tal­wahl hilft.
Grund­sätz­lich be­grüs­sen wir es, wenn sich auch Patien­tin­nen und Patien­ten ver­mehrt mit den Er­geb­nis­sen der Qua­li­täts­mes­sun­gen aus­ein­an­der­set­zen, um so eine er­gän­zen­de Ent­schei­dungs­grund­la­ge bei der Spi­tal­wahl zu haben. Die Ver­gleichs­platt­for­men be­trach­ten wir hin­ge­gen mit einer ge­wis­sen Skep­sis, da ein­zel­ne An­bie­ter die Da­ten sehr stark ver­ein­fa­chen und irre­füh­ren­de Ver­glei­che an­stel­len. Das kann bei den Pa­tien­tin­nen und Pa­tien­ten zu Fehl­schlüs­sen füh­ren.

Über CSS QualiCheck

Mit der Online-Ver­gleichs­platt­form QualiCheck ha­ben Kun­din­nen und Kun­den der CSS die Mög­lich­keit, sich um­fas­send über ver­schie­dene Qua­li­täts­indi­ka­to­ren in den Spi­tä­lern zu er­kun­di­gen und diese zu ver­glei­chen. So wird die Ent­schei­dungs­grund­la­ge bei der Spi­tal­wahl er­heb­lich ver­bes­sert. Gleich­zei­tig leis­tet QualiCheck einen wich­ti­gen Bei­trag zur Stei­ge­rung der Qua­li­tät von medi­zi­ni­schen Leis­tun­gen in Schwei­zer Spi­tä­lern.

www.css.ch/qualicheck

Der sta­tuta­ris­che Zweck Ihres Ver­eins sieht aber vor, dass mit den Da­ten auch ein na­tio­na­ler Ver­gleich rea­li­siert wer­den kann. Was stört Sie daran?
Die Da­ten sol­len Spi­tä­lern und Kli­ni­ken die Mög­lich­keit ge­ben, sich mit an­de­ren Leis­tungs­er­brin­gern zu ver­glei­chen, sowie den Dialog zwi­schen diesen und den Kos­ten­trä­gern zu för­dern. Rang­lis­ten und Am­pel­sys­te­me soll­te man da­raus je­doch nicht ab­lei­ten. Ich bin der Mei­nung, dass sich das Gut Gesund­heit heute noch im­mer der­art kom­plex prä­sen­tiert, dass Patien­tin­nen und Patien­ten auf die Mei­nung von Ex­per­ten an­ge­wie­sen sind, um eine Ent­schei­dung fäl­len zu kön­nen.

Vie­le Men­schen ma­chen aber auch die Er­fah­rung, dass die Emp­feh­lung des Ex­per­ten oft nicht bes­ser ist als ein Ent­scheid, den sie selbst fäl­len, etwa mit Unter­stüt­zung eines Online-Tools zum Spi­tal­ver­gleich.
Darüber kann man treff­lich strei­ten. Stu­dien aus den USA haben ge­zeigt, dass die meis­ten Patien­tin­nen und Patien­ten auch dann eher der Emp­feh­lung eines Ex­per­ten folgen, wenn hohe Trans­pa­renz in Be­zug auf die Be­hand­lungs­qua­li­tät herrscht. Sprich: Sie las­sen sich dort ope­rie­ren, wo es der Haus­arzt emp­fiehlt. Oder noch häu­fi­ger: Dort, wo es am nächs­ten ist.

Gleich­zei­tig wer­den die tech­ni­schen Hilfs­mittel im­mer bes­ser. QualiCheck bietet die Mög­lich­keit, spezi­fi­sche Ein­grif­fe in ver­schie­de­nen Spi­tä­lern in Be­zug auf meh­re­re In­di­ka­to­ren zu ver­glei­chen. Das ver­bes­sert die Ent­schei­dungs­grund­lage er­heb­lich.
Wie ge­sagt: Als Grund­lage für eine wei­ter­füh­ren­de Recher­che kann das auch für Patien­tin­nen und Patien­ten sinn­voll sein. Aber die Da­ten sind in der Reg­el zu stark ver­ein­facht. Beispielsweise ist das Auftreten von Wundinfektionen nicht gleichzusetzen mit dem Ergebnis einer Operation: Es kann sein, dass das Er­geb­nis der Ope­ra­tion für den Pa­tien­ten und sei­ne Lebens­qua­li­tät ein voller Er­folg war, ob­wohl eine Wund­in­fek­tion auf­ge­tre­ten ist. Kon­sul­tiert man nur die Zah­len, sind Fehl­in­ter­pre­ta­tion­en un­ver­meid­bar.

Hat es auch da­mit zu tun, dass die er­ho­be­nen Da­ten zu wenig de­tail­liert sind? Wür­den die Spi­tä­ler und Kli­ni­ken zum Bei­spiel Fall­zah­len nach Ärz­ten aus­wei­sen, wä­re eine aus­sage­kräf­ti­ge­re Be­ur­tei­lung mög­lich. Aber da­ge­gen wehrt man sich.
Es liegt we­ni­ger an den Spi­tä­lern als an der Ärz­te­schaft selbst, bei der oft die nö­tige Koo­pe­ra­tions­be­reit­schaft ver­misst wird. Hier muss tat­säch­lich ein Um­den­ken statt­fin­den. Viele Ärz­tin­nen und Ärz­te ste­llen das Berufs­ethos über die Not­wen­dig­keit einer trans­pa­ren­ten Dar­le­gung der Be­hand­lungs­qua­li­tät. Das Bewusst­sein für die Not­wen­dig­keit und Sinn­haf­tig­keit von Qua­li­täts­mes­sun­gen müss­te man mög­lichst schon in der Aus­bil­dung stär­ken.

Wo wür­den Sie ganz grund­sätz­lich an­set­zen, um die Qua­li­tät im Schwei­zer Gesund­heits­we­sen zu ver­bes­sern?
Ich würde ver­su­chen, noch bes­se­re An­reiz­sys­te­me zu schaf­fen für Leis­tungs­er­brin­ger, die gu­te Ar­beit leis­ten und sich weiter ver­bes­sern wol­len. Es gilt, gu­tes Ver­hal­ten zu be­loh­nen, an­statt schlech­tes Ver­hal­ten zu sank­tio­nie­ren.

Was wür­den Sie an­packen, um die Kos­ten­seite in den Griff zu be­kom­men?
Auch wenn auf al­len Sei­ten ethi­sche Grund­sät­ze unter­zeich­net wer­den, ist es ein Fakt, dass un­nö­ti­ge Leis­tun­gen ver­rech­net und über­teuer­te Medi­ka­men­te ver­schrie­ben wer­den. In die­sen Be­rei­chen liegt viel Poten­zial brach.

Nehmen Sie auch die Patien­tin­nen und Patien­ten in die Pflicht?
Abso­lut, ja. Wir las­sen uns oft­mals vom Moral-Hazard-Prinzip lei­ten: Ich zah­le viel, al­so will ich die maxi­ma­le Leis­tung. Auch liegt ein gros­ses Poten­zial für Ver­ände­rung darin, dass wir dem Zu­sam­men­hang von Prä­ven­tion und Ge­sund­heit mehr Auf­merk­sam­keit schen­ken oder bei leich­ten Er­kran­kun­gen nicht gleich die Notfall-Infra­struktur von Spi­tä­lern in An­spruch neh­men. Vielen fehlt in der heuti­gen Leis­tungs­gesell­schaft viel­leicht auch schlicht das Inte­res­se an der eige­nen Gesund­heit. Aber ich bin opti­mis­tisch, dass bei uns al­len schon bald ein Be­wusst­seins­wan­del ein­setzt, weil wir imm­er mehr und auf ver­schie­de­nen Ebe­nen an unse­re Be­las­tungs­gren­zen stos­sen.

Über den ANQ

Der Natio­nale Vere­in für Qua­li­täts­ent­wick­lung in Spi­tä­lern und Kli­ni­ken (ANQ) koor­di­niert und rea­li­siert Qua­li­täts­messun­gen in der Akut­so­matik, der Reha­bi­l­ita­tion und der Psy­chia­trie. Mit­glie­der des Ver­eins sind der Spi­tal­ver­band H+, santésuisse, die Eid­genössi­schen So­zial­ver­si­che­rer, die Kan­ton­e und die Schwei­zeri­sche Gesund­heits­di­rek­to­ren­kon­fe­renz. Der Ver­ein a­rbei­tet nicht gewinn­orien­tiert.

www.anq.ch